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BORIS CYRULNIK

SCHAM

fischer & gann

BORIS CYRULNIK

Scham

Aus dem Französischen von Maria Buchwald und Andrea Alvermann

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Erstmals erschienen bei Präsenz Kunst & Buch, Hünfelden 2011

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar.

© Verlag Fischer & Gann, Munderfing 2018

Umschlaggestaltung: Gesine Beran, Turin, Italy

Umschlagmotive: © shutterstock | white snow

Gesamtherstellung | Druck:

Aumayer Druck + Verlag Ges.m.B.H. & Co KG, Munderfing

ISBN 978-3-903072-72-5 | ISBN E-BOOK 978-3-903072-73-2

www.fischerundgann.com

INHALT

Einleitung

Eine Jugenderinnerung

Erstes Kapitel

Aus der Scham heraustreten wie aus einem Erdloch

Das merkwürdige Schweigen der Seelen-Verwundeten

Der innere Gegner

Die Scham und ihr Gegenteil

Die Transparenz des Beschämten

Man teilt seine Freude mit, man bringt seine Wut zum Ausdruck – man verbirgt seine Scham

Erfolg – eine Maske der Scham

Die Meister des Traums und der beschmutzte Spiegel

Der Köder der Wahrheit

Je größer das Unglück, desto glorreicher der Sieg

Zweites Kapitel

Der Tod in der Seele – Die Psychologie der Scham

Das »Ich« existiert nur an der Seite des anderen

Scham in der Sexualität

Eine Welt, in der einfach alles Scham auslöst

Scham oder Schuldgefühl?

Liliput – wenn man die Scham kultiviert

Scham kann zwei Stunden oder zwanzig Jahre lang andauern

Der innere Film – wie der Ankläger unseres Gewissens agiert

Jeder kennt das Schamgefühl aus eigener Erfahrung

Drittes Kapitel

Die Scham ist ungerecht

Kann man die Scham in Zahlen fassen?

Wie kann man die Resilienzfaktoren einschätzen?

Die Verleugnung – eine legitime, aber krankhafte Art der Verteidigung

Ein stilles Gewölbe, wo Gespenster ihr Unwesen treiben

Ein wiederauferstandenes Gespenst kann immer noch töten

Man befreit sich von der Scham, indem man die Psyche der anderen ändert

Man befreit sich von der Scham, indem man seine eigene Psyche ändert

Man befreit sich von der Scham, indem man auf einen beliebigen Punkt des Systems Einfluss nimmt

Viertes Kapitel

Biologie der Scham

Tierische Scham?

Genetik ist nicht totalitär

Wie persönliche Vulnerabilität erworben wird, hängt von den Gefühlen der anderen ab

Sozialisierung geschieht durch Liebe

Wir binden uns nicht an den nettesten Menschen oder den mit den höchsten Auszeichnungen, sondern an einen, der uns Sicherheit gibt

Glück und Triebe – Scham und Moral

Neurobiologie der erworbenen Schüchternheit

Die sozialisierende Funktion des körperlichen Schmerzes

Die desozialisierende Wirkung seelischen Schmerzes

Die Wandlungen des seelischen Schmerzes

Fünftes Kapitel

Schamesröte

Wer bin ich für den anderen?

Vorbestimmung ist kein unausweichliches Schicksal

Scham in sozialen Isolaten

Exil und Scham

Anomie und Millionenstädte

Einwanderung – Glück oder Unglück für die Gesellschaft?

Schule – Gefängnis oder Freiheit?

Affekt und Schulleistungen

Geschichten aus dem Umfeld und eigene Gefühle

Am Anfang war die Scham

Die Beschämer und wie sie sich sprachlich tarnen

Die Schwarzen und der gelbe Stern

Neger, Zoos und psychiatrische Kliniken

Sechstes Kapitel

Ein schönes Paar: Scham und Stolz

Die Ehe – kleinste Einheit der Gesellschaft

Der Hymen im gesellschaftlichen Diskurs

Als Gewalt noch eine Tugend war

Ist Leiden noch notwendig?

Wenn Unterwerfung stark macht

Gewalt im Theater der Ehre

Wenn die Realität sich von dem unterscheidet, was über sie erzählt wird

Die Schamlosen

Moral, Perversionen und Psychopathen

Nachwort

Die Macht der Socken

Anmerkungen

EINLEITUNG

Wenn Sie wissen wollen, warum ich geschwiegen habe, so brauchen Sie nur herauszufinden, was mich dazu gezwungen hat. Die Umstände dieses besonderen Ereignisses und die Reaktionen meiner Umgebung tragen dazu bei, dass ich nicht darüber spreche. Denn wenn ich Ihnen erzähle, was mir zugestoßen ist, werden Sie mir nicht glauben. Vielmehr werden Sie lachen, Sie werden für den Angreifer Partei ergreifen, Sie werden mir ungehörige Fragen stellen oder, noch schlimmer, Sie werden Mitleid mit mir haben. Doch ganz gleich, wie Sie reagieren, allein wegen der Tatsache, dass ich es Ihnen erzählt habe, werde ich mich vor Ihren Augen schlecht fühlen.

Also werde ich zu meinem Schutz schweigen; ich werde nur den Teil meiner Geschichte preisgeben, der für Sie zumutbar ist. Der andere Teil, der düstere, Grauen erregende, lebt unausgesprochen in den geheimen Räumen meiner Seele weiter. Dieses Unausgesprochene wird Einfluss auf unsere Beziehung haben, da ich die Worte, die ungesagt bleiben, die verschwiegenen Schilderungen meiner Erlebnisse, in meinem Inneren unablässig wiederhole.

Meine Worte sind Gemütsbewegungen, die stückweise ans Licht kommen und manchmal einige wenige Informationen enthalten. Eine Abwehrstrategie gegen das Unsägliche, gegen das, was unmöglich auszusprechen ist und was so peinlich zu hören ist, hat eine merkwürdige affektive Behelfs-Verbindung zwischen uns hergestellt: eine Fassade aus Worten, die es erlaubt, eine schier unglaubliche Begebenheit ins Dunkel zu verdrängen, eine Katastrophe in meinem Leben, die ich mir unablässig und ohne je ein Wort laut auszusprechen, selbst erzähle.

Diese ungeteilten Emotionen schaffen in der Seele des Opfers einen Raum des Schweigens, der ohne Unterlass spricht; eine Art unhörbares Gemurmel, das im Inneren dieses Menschen unfassbare Dinge raunt. Es ist schwierig zu schweigen, aber es ist möglich, nichts zu sagen. Doch wenn man seiner Emotion nicht Ausdruck verleiht, macht sie sich noch viel stärker bemerkbar. Solange ein Verwundeter leidet, spricht er nicht, er beißt einfach nur die Zähne zusammen. Wird das so überwältigend Bewusste, aber Unausgesprochene nicht mitgeteilt, so führt dies zu einem Verhalten, das uns befremdet. »Dieser Mann ist sehr eloquent, und doch fühle ich ganz deutlich, dass er spricht, um zu verbergen, was er nicht sagt«, stellen wir fest.

Die Verdrängung erzeugt unterschiedliche Interaktionen. Sie ist zwar unbewusst, aber in den Träumen des Betroffenen tauchen sonderbare Szenen auf, rätselhafte Zeichen, die entschlüsselt werden wollen.

Der Beschämte sehnt sich danach zu sprechen. Gern würde er zum Ausdruck bringen, dass er ein Gefangener seiner stummen Sprache, seiner Geschichte ist, die er sich in seinem Innern erzählt, aber er kann Ihnen nichts verraten, weil er sich so sehr vor Ihrem Blick fürchtet. Er glaubt, er werde sterben, wenn er den Mund aufmacht.1 Deswegen erzählt er die Geschichte eines anderen, der, wie er selbst, eine entsetzliche Katastrophe erlebt hat.

Er schreibt seine Autobiographie, in der dritten Person, und ist erstaunt über die Erleichterung, die ihm die Geschichte eines anderen verschafft, der Stellvertreter, Sprecher seiner selbst ist. Dass er seinen grauenhaften Erlebnissen eine verbale Form gegeben und sie – trotz allem – mitgeteilt hat, ermöglicht ihm, das Selbstbild von dem Ungeheuer hinter sich zu lassen, das er zu sein glaubte. Er ist geworden wie jeder andere Mensch, weil Sie ihn verstanden – und ihn vielleicht sogar geliebt haben.

Ein Text, der veröffentlicht wird, umfasst immer auch eine intime Beziehung. Selbst wenn man viele tausend Leser hat, handelt es

sich dabei in Wirklichkeit um viele tausend intime Beziehungen, weil man bei der Lektüre immer unter vier Augen bleibt.

EINE JUGENDERINNERUNG

Damals war auf dem Pont des Arts kaum jemand unterwegs. Wir schlenderten über diese alte Fußgängerbrücke und unterhielten uns dabei mit leiser Stimme.

»Hier wohne ich«, sagte Soufir und deutete auf ein Haus in einiger Entfernung vom imposanten Institut de France. »Mein Vater ist sehr reich. Er wollte, dass ich in Paris studiere, und hat mir auf dem Quai Conti ein Künstleratelier gekauft. Ich schäme mich deswegen.«

Nie hätte ich geglaubt, dass man sich schämen konnte, weil man an einem so bezaubernden Ort wohnte. Durch das Glasdach konnte man die Dächer des Institut de France sehen, den Louvre und die Seine, und ein paar hundert Schritte entfernt lag die medizinische Fakultät, in der wir beide studierten.

Ich dagegen wohnte in der Rue de Rochechouart, zwischen Pigalle und Barbès, in einem kleinen Zimmer ohne Wasserhahn und Heizung, kaum 10 Quadratmeter groß. Trotzdem war ich irgendwie stolz darauf. Ich hatte die Wände rot und blau gestrichen – in den gleichen Farben wie auf Picassos Gemälde »Jacqueline aux mains croisées«. Ich schämte mich nicht wegen des Reifs an den Wänden und auch nicht wegen des vereisten Fensters – sie waren Symbole für die schwierigen Zeiten in Kälte und Armut, die ich zu überwinden gedachte. Aber ich schämte mich wegen des großen Lochs zwischen den Beinen meiner furchtbar schäbigen, abgenutzten Hose; wenn meine Kommilitonen dieses Loch gesehen hätten, wäre ich ihrer Verachtung sicher gewesen.

Soufir und ich, wir waren Freunde, wir sprachen voll Stolz über die Dinge, die wir miteinander teilen konnten. Er erzählte mir von der Schönheit Marokkos; ich war beeindruckt, wenn er mir von den Empfängen berichtete, die seine Familie gab, und erstaunt, wenn er mir erklärte, dass er für seinen Vater eine Mischung aus Bewunderung und Furcht empfand. Aber ich spürte ganz deutlich, dass er mit all diesen glanzvollen Details irgendetwas in sich verdrängen konnte, das ihn schmerzte; es betraf seine Familie.

Eines Abends schlug Soufir vor, unser Gespräch in einem kleinen Restaurant des Stadtviertels fortzusetzen. Ich bestand darauf, meinen Anteil der Rechnung zu bezahlen – weshalb ich mir dann in der darauffolgenden Woche keine Essensmarken für die Mensa leisten konnte. Ich hätte mich geschämt, ihm nicht ebenbürtig zu sein. Ich wollte unbedingt genauso wohlhabend erscheinen, wie er es war. Hätte er für mich bezahlt, so hätte ich seine Einladung als herablassende Geste, ja sogar als Demütigung empfunden.

Als ich nun in der restlichen Woche nicht in die Mensa gehen konnte, dachte ich wieder einmal an die Zeit nach dem Krieg; ich war damals in einem Kinderheim untergebracht, und wir meldeten uns alle für den Tischdienst, um auf diese Weise ein paar zusätzliche Happen zu ergattern. Diese Erinnerung rief keine Demütigung in mir hervor – im Gegenteil, ich empfand sogar einen vagen Stolz, weil ich das erlebt hatte, ebenso wie den Reif an den Wänden und das Eis auf den Fenstern meines Zimmers in der Rue de Rochechouart. Trotzdem sprach ich nicht mit Soufir darüber, denn ich befürchtete, sein Erstaunen oder sein Mitleid zu wecken (wie wegen meiner Hose, die zwischen meinen Beinen so abgenutzt war). Also konnte dieselbe Tatsache ein Gefühl auikommen lassen, in dem sich Scham und Stolz miteinander verbanden! In meinem tiefsten Inneren lösten ein paar Stücke Brot, die ich erhalten hatte, wenn ich den Tisch abwischte, keine Scham aus. Vielmehr empfand ich ein Gefühl des Triumphs, als hätte ich damals mit diesen zusätzlichen Brotstücken ein kleines lukratives Geschäft gemacht. Aber wie hätte ich das in einem Umfeld, in dem man sich durch Worte verständigt, begreiflich machen können?

Ich vermute sogar, dass wir, die schamhaften Freunde, unsere Scham zuweilen ein wenig kultivierten, dass wir Menschen verachteten, die dieses Gefühl nicht kannten. Und wer war das Ziel unserer Verachtung? Alain, beispielsweise. Immer war er zufrieden mit sich, seine ewige Selbstgefälligkeit irritierte uns. Wir sprachen oft darüber, dass er nur deshalb so glücklich war, weil er sich der Schwierigkeiten des Lebens nicht bewusst war (was bedeutete, dass wir das Gift der Scham, das unser eigenes Leben durchzog, unserem guten Gewissen verdankten). Sonderbar, nicht wahr? Wir fühlten uns durch den Blick der anderen herabgesetzt – ich, weil ich ein Loch in der Hose hatte, Soufir, weil sein Vater ihn zum unmündigen Kind degradierte, indem er ihm eine viel zu luxuriöse Wohnung schenkte – und dennoch fühlten wir beide uns menschlicher als Alain. Wir behaupteten, seine Leichtfertigkeit schütze ihn vor Anfechtungen. Wir empfanden keinerlei Bewunderung für die Kraft, die ihm seine beschränkte Weltsicht verlieh. Mit seinem zufriedenen Lächeln erklärt uns Alain, man solle möglichst kein Studienjahr in Medizin wiederholen, denn dies könne zu einem Einnahmeverlust führen, sobald man sich einmal in Paris in eigener Praxis niedergelassen habe. Daher wählte Alain solche Praktika, die zwar nicht gut organisiert waren, es ihm aber ersparten, im Krankenhaus arbeiten zu müssen, und ihm stattdessen ermöglichten, vormittags ein paar Stunden Zeit für sein Studium zu haben. Er hatte ausgerechnet, dass die Vorbereitung für die Vorprüfungen und die Lektüre der Fachzeitschriften unnötiger Zeitverlust waren, und meinte, es sei besser, nur die Dinge zu lernen, die für das Bestehen der Examina absolut notwendig seien. Wir fanden ihn albern, als er uns verriet, es genüge, jeweils die linke Seite der Bücher zu lesen und nur einige Schlüsselwörter auf der rechten Seite herauszupicken, um bei den Prüfungen eine durchschnittliche Note zu erzielen. Wir fanden ihn widerlich, als er uns mitteilte, er werde in Kürze ein reiches Mädchen heiraten, um während seiner Studienzeit ein Auto und ein Ferienhaus zu haben und sonstige materielle Annehmlichkeiten zu genießen.

Er wiederholte keinen einzigen Kurs, bekam sein Diplom sehr früh und schämte sich nie. Später ließ er sich von dieser Frau scheiden, und sie beging daraufhin Selbstmord. Nie fühlte er sich schuldig.

Wir, die Schamhaften, verachteten den Schamlosen, weil wir glaubten, er verdanke seine Stärke und sein einfältiges Glück seinem Mangel an Moral. Wir an seiner Stelle wären vor Scham gestorben. Vielleicht waren wir sogar stolz darauf, zu glauben, dass unser Tod dann unseren moralischen Wert bewiesen hätte. Wir waren weder Ungeheuer noch Maschinen, die nur einfach viel Geld produzieren wollten. Das Gift der Scham, das uns quälte, sprach für unsere Fähigkeit, unter dem Blick der anderen zu leiden, weil wir ihm viel Bedeutung beimaßen; es war ein Beweis für unsere moralische Gesinnung.

Wir unterhielten uns über Politik und Literatur. Soufir erzählte mir von Marokko, von der Schönheit marokkanischer Städte und vom Reichtum seiner Kultur. Er hatte keine Ahnung, auf welche Weise sein Vater all das viele Geld verdiente, weswegen er, sein Sohn, sich so schämte.

Ich erzählte ihm von meinem politischen Engagement, natürlich für die Linke, von meinen leidenschaftlichen Diskussionen mit den Genossen, von unseren mutigen und unseren feigen Taten, derer ich mich nicht schämte. Ich erwähnte nie die Löcher – in meiner Hose, in meinen Schuhsohlen und in meiner Zimmerdecke. Er sprach nie über die innere Zerrissenheit, die seine Herkunft mit sich brachte – er war zwar reich, aber eben nur ein Ausländer. Ich sprach nie über die innere Zerrissenheit, die meine Herkunft mit sich brachte – ich war arm und überdies auch nur ein Ausländer. Unser Schweigen über unsere jeweilige Scham band uns aneinander, als hätten wir einen geheimen Pakt geschlossen. Wir tauschten uns über das aus, was uns möglich war, aber wir verbargen unseren stummen Schmerz. Gern und mühelos sagten wir »ich«, wenn wir über Marokko, über Mitteleuropa, über Filme oder über Literatur redeten. Aber trotz unserer zahlreichen Gespräche und trotz dieser Emotionen, die wir teilten, traten unsere eigenen Innenwelten nie wirklich in Erscheinung, brachten wir sie nie in unsere Gespräche ein.

Wir waren nicht in der Lage, über die brachliegenden Anteile in unserer Psyche zu sprechen, und ließen uns nur über die angenehmen Erinnerungen aus; nur so vermochten wir, ein paar schöne Stunden miteinander zu genießen. Die Scham, abgekapselt in der Tiefe unseres Bewusstseins, teilte unsere Freundschaftsbeziehung in zwei Bereiche ein: in einen, in dem angeregte Unterhaltung und unsere Freundschaft ihren Platz hatten, und einen anderen, schweigsamen, der unser inneres Leben vergiftete. Bei der geringsten Unachtsamkeit hätte ein Wort entweichen können, das verraten hätte, wie zerrissen unsere Seelen waren, oder eine unbedachte Bewegung hätte enthüllt, wie schäbig meine abgenutzte Hose war. Soufir zog vom Quai Conti fort, ohne sich von mir zu verabschieden und ohne eine freundschaftliche Zeile zu hinterlassen. Man erzählte mir, sein Vater sei ins Gefängnis gekommen. Die Scham hatte meinen Freund zur Flucht getrieben, er hätte meinen Blick nicht ertragen.

Alain heiratete ein zweites Mal, verdiente viel Geld und kam bei einem Unfall mit seinem Sportwagen – er war viel zu schnell gefahren – ums Leben, ohne jemals die geringste Scham empfunden zu haben.

Sechzig Jahre später unterhielt ich mich im Hafen von La Petite Mer in La Seyne, in der Nähe von Toulon, mit Laurent, während er an meinem Segelboot, einer provenzalischen Barke, ein Brett befestigte. Diese Schiffe sind wahre Kunstwerke, aber da sie aus Holz sind, muss man sie ständig pflegen; ansonsten beginnen sie, Wasser durchzulassen. Laurent erzählte mir, dass er hier in die Schule des Stadtviertels gegangen war, ganz in der Nähe des

Hafens. Seine Eltern waren stumm, sie konnten nicht sprechen. Als Kind war er vor Scham fast im Boden versunken, wenn er all die hübschen Mütter sah, die ihre Kinder von der Schule abholten und ihnen dabei so nette Dinge sagten. Plötzlich versagte ihm beinahe die Stimme, als er mir gestand: »Ich hatte nicht erkannt, was für ein riesengroßes Geschenk sie mir dadurch machten, dass sie mich trotz ihrer Behinderung mit so viel Liebe und Zärtlichkeit umsorgten. Heute schäme ich mich dafür, dass ich mich damals geschämt habe. Heute bin ich stolz auf sie.«

Es gibt in La Seyne viele Kinder, deren Eltern italienischer Abstammung sind. Ihre Väter kamen ins Land, um auf den Schiffswerften, auf den Fischerbooten und auf den Feldern zu arbeiten. Félie hörte in ihrer Kindheit immer wieder ihren Vater erzählen, warum er aus Italien fliehen musste: Im Jahr 1920, als Polizist in Genua, hatte er den Befehl erhalten, auf streikende Arbeiter zu schießen. »Als mir klar wurde, dass man auf sie schießen musste, gefror mir das Blut in den Adern. Ich hab mir in die Hosen gemacht und das Gewehr abgesetzt.« Mit diesen immer gleichen Worten hatte er sein Erlebnis geschildert. Es war schwierig für das kleine Mädchen, einen Vater zu bewundern, der vor Angst erstarrt war und sich in die Hose gemacht hatte. Ganz in ihrer kindlichen Welt gefangen, wäre es ihr lieber gewesen, er hätte nach einem heldenhaften Kampf die Ordnung wiederhergestellt und wäre öffentlich dafür ausgezeichnet worden.

Nachdem Félie Historikerin geworden war, analysierte sie in dieser Funktion den Bericht eines deutschen Offiziers, der 400 Juden und Roma erschossen hatte, um seine Kameraden zu rächen, die von den Partisanen getötet worden waren. Dieser Soldat hatte abschließend geschrieben: »Manchmal muss ich abends daran denken.«2 Plötzlich bekam dieses Dokument für sie eine ganz andere Bedeutung, weil sie unwillkürlich an ihren Vater denken musste, der »vor Angst erstarrt« war. »Seither bin ich meinem Vater dankbar, dass er sich in die Hose machte und sich damit tief in seinem Innern weigerte, die Menschen zu ermorden, die so waren wie er.«3

Ihr Vater, der Polizist Giuseppe de La Roquette, der vor Angst erstarrte, war kein Held, ja, nicht einmal ein Antifaschist. »Woher kommt die Weigerung zu töten, die unsere Eingeweide öffnet?«, fragte sich Félie.4 Dieser Mann war vielleicht nicht einmal kultiviert genug, um sich die faschistische Rhetorik überhaupt anzueignen, aber seine Persönlichkeit war eigenständig genug, um sich ihr nicht zu unterwerfen. Allein der Gedanke, einen unschuldigen Mitmenschen töten zu müssen, öffnete seine Eingeweide. Für ihn wäre das ein absurder Mord gewesen.

Zur selben Zeit (1939-1942) erhielten die Männer des Reserve-Polizeibataillons 1015 in Polen den Befehl, alle jüdischen Kinder und die Sinti und Roma in der Stadt Lodz und Umgebung zu töten. Die meisten führten diesen Befehl ganz genau aus. »Bei den Aussiedlungen der Landbevölkerung kamen die ersten von mir miterlebten Ausschreitungen und Tötungen vor. Zwar gab man uns anfänglich nicht den Befehl, diese an Ort und Stelle zu erschießen, sondern begnügte sich erst einmal damit, uns klarzumachen, dass man mit solchen Personen doch nichts anfangen könne.«6 Doch bald wurde das Töten zur Routine. Einige wenige Männer, denen man gestattete, nicht an den Massakern teilzunehmen, entschuldigten sich beinahe dafür, dass sie nicht die Kraft hatten, diese Befehle auszuführen. Die Wahl des Wortes »ausführen«, um Rechenschaft für die zugewiesene Aufgabe abzulegen, gibt dem Ausführenden einen bestimmten Platz, von dem aus er in einem System der Sieger agiert. Die Offiziere dieses Bataillons hätten sagen können, »ihre Männer« hätten sich »dem Befehl unterworfen«, aber das Wort »unterwerfen« hätte ihr Denken mit einem Gefühl der Schwäche in Verbindung gebracht, wohingegen das Verb »ausführen« auf ein Gefühl mechanischer Stärke schließen ließ. Man ist stolz darauf, einen Befehl auszuführen, der es einem ermöglicht, zum Sieg und zur Säuberung beizutragen. Man schämt sich, Befehlen unterworfen zu sein, die man nicht versteht.

Diesen biederen Männern des 101. Reservebataillons – Teeimporteuren, Holzhändlern, kleinen Unternehmern, ehemaligen Kommunisten, die sich von der nationalsozialistischen Euphorie hatten anstecken lassen – machte es Freude, die Befehle auszuführen. Sie waren stolz, zum Sieg des Regimes und zur Säuberung der Gesellschaft beizutragen, wohingegen die Männer, die es nicht gewagt hatten, andere zu ermorden, sich fast dafür schämten, dass sie diese Kraft nicht aufgebracht hatten. Durch ihr Ausweichen wurde die Arbeit des 101. Bataillons behindert, sie hatten keinen Anteil am Erfolg der Operationen; sie hatten ihre Kameraden irgendwie verraten, als sie es ihnen überließen, die Hinrichtungen allein auszuführen.

Nicht einmal 20 Prozent dieser Polizisten weigerten sich, Kinder zu töten – obwohl sie sehr wohl das Recht dazu hatten. So erklärte beispielsweise der 38-jährige Leutnant Buchmann, Mitglied der NSDAP, er brächte es nicht über sich, Unschuldige zu töten. Wie vereinbart, wurde ihm daraufhin einfach eine andere Aufgabe zugewiesen. Kein Heldentum, kein Ungehorsam, einfach die kleine Scham, dass er nicht die psychische Kraft der anderen Polizisten besessen und sich damit von der Truppe entfernt hatte.

Der italienische Polizist Giuseppe beschmutzte seine Hose, weil die einfache Vorstellung, einen Mitmenschen zu töten, nur um einem sinnlosen Befehl zu gehorchen, in seinem Körper eine Emotion auslöste, die seinen Schließmuskel außer Kraft setzte. Giuseppe schämte sich seiner Schwäche nicht. Seine kleine Tochter hätte lieber einen heldenhaften Vater gesehen, aber als sie selbst die geistige Reife einer Erwachsenen erlangte, verwandelte sich ihre Scham in Stolz.

Die biederen Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 empfanden keine Scham, weil sie nacheinander auf den Straßen, in den Krankenhäusern und in den Schulen 83 000 Menschen umbrachten. Nur die Kameraden, denen die Kraft zum Gehorsam fehlte, waren nicht stolz. Der Herdentrieb hatte den Vollstreckern Selbstvertrauen gegeben, während die Schwachen, die an der Begeisterung der Truppe nicht teilhaben konnten, sich wie abseits, ja geradezu wie Verräter vorkamen.

In Giuseppes Vorstellung waren die Opfer Menschen wie er selbst, die er unmöglich töten konnte – wohingegen aus Sicht der Vollstrecker kein einziger Mensch getötet worden war. Diese Polizisten hatten die Allgemeinheit ganz einfach von einigen Parasiten, von Schandflecken der Gesellschaft befreit, von »Stücken«, denen nichts Menschliches eigen war.

Die Scham, dieses vergiftende Gefühl, dieser Abszess in der Seele, ist nicht unheilbar. Wir können im Laufe unseres Lebens mit seinen Veränderungen von der Scham zum Stolz übergehen; das hängt nicht zuletzt davon ab, welchen Platz wir in der Gruppe unserer kulturellen Zugehörigkeit einnehmen.

Ich kenne Substanzen, die grundlose Wutanfälle hervorrufen. Ich kenne Essenzen, die grundlose Euphorie auslösen. Aber ich kenne kein Mittel, das Scham zur Folge hat, denn dieses Gefühl entsteht immer durch eine persönliche Vorstellung: In meinem eigenen unsichtbaren Theater inszeniere ich das, was ich nicht zu sagen vermag, weil ich große Angst habe, es könnte ausgesprochen werden.

»Es bedarf keiner Veränderung der Tatsachen, es geht immer darum, ein Geheimnis zu entschleiern, ein Geständnis abzulegen … Die hoffärtige Scham, die Wandlung eines Schicksals, das man erleidet, in ein Schicksal, das man beherrscht.«7 Kann man diesen Zustand also hinter sich lassen?

ERSTES KAPITEL

AUS DER SCHAM HERAUSTRETEN WIE AUS EINEM ERDLOCH

 

DAS MERKWÜRDIGE SCHWEIGEN DER SEELEN-VERWUNDETEN

»Ich erfuhr im Alter von 16 Jahren, dass ich eines Tages mein Augenlicht verlieren würde. Getrieben vom wütenden Eifer, meine Krankheit zu besiegen, und von der Liebe zu meinen Angehörigen beschloss ich, niemandem etwas davon zu sagen, nicht einmal meinen Eltern.«1 Völlig am Boden zerstört von dieser Nachricht kam Jacques nach Hause; er brauchte mehr als ein Jahr, bis er den Mut aufbrachte, über seine drohende Erblindung zu sprechen! Denn er wusste: Dies hätte augenblicklich die Seele der Menschen, die er liebte, mit dem allergrößten Kummer belastet.

Die Dinge aussprechen ist ein Fehler, ist unerträglich.

Es beruhigt den Verwundeten, zum Opfer Gewordenen, wenn er seine Emotion mitteilt,2 aber es verursacht bei den Menschen, die er liebt, großes Leid. Schließlich ist er an sie gebunden.

Welches Recht hätten wir als Opfer, unsere Angehörigen in unsere Verzweiflung hineinzuziehen? Also schweigen wir, doch das trübt unsere Beziehung; zwischen ihnen und uns entsteht etwas Störendes. »Zu der Scham, die mich veranlasst zu schweigen, kommt noch das Gefühl der Schuld, wenn ich spreche und euch dadurch in mein Unglück hineinziehe.«

Alle Theaterstücke, Romane und auch jede künstlerische Darstellung haben Emotionen zum Thema; es geht immer darum, ihnen eine Kunstform zu verleihen, die eine intime Bindung zu fremden Menschen herzustellen vermag. Es ist leichter, sich einem Unbekannten anzuvertrauen, den man anschließend nie mehr sieht, als einem nahestehenden Menschen, der in unserer Existenz eine wesentliche Rolle spielt. Die Worte haben dann ein anderes Gewicht.

Eine Emotion zu teilen – mitzuteilen – kann angenehm oder angst-einflößend sein, je nach Art der affektiven Bindung. Es ist nicht schwierig, Freude oder Glück mit dem Menschen zu teilen, mit dem man Umgang hat. Ja, es kann einem sogar eine gewisse Befriedigung verschaffen, wenn man den Schmerz anderer Menschen mitträgt, weil man sie beruhigen und trösten kann.3

Aber wer möchte an der Scham teilhaben? Wer würde nicht verlegen, wenn eine junge Frau von den »sexuellen Fallen« erzählen würde, die der eigene Vater ihr stellte? Dieser Mann war in ihrem Wohnort ein bekannter Funktionär, der für seine humanitären Aktionen geschätzt wurde. Er war eloquent, sah gut aus und engagierte sich großzügig für soziale Belange. Er wurde allgemein sehr geachtet. Doch derselbe Mann machte sich abends am Türschloss des Zimmers seiner Tochter zu schaffen und manipulierte es so, dass sie sich nicht einschließen konnte; oder er tat so, als schliefe er in seinem Sessel, und wenn sie an ihm vorbeiging, packte er sie plötzlich und hielt sie fest. Wie sollte sie das jemandem erzählen, ohne ungläubiges Staunen hervorzurufen? »Aber ich kenne doch deinen Vater – er könnte dir nie und nimmer so etwas antun!« So oder ähnlich wären die Reaktionen der Zuhörer gewesen.

Verblüffung, Ekel oder eine obszöne Neugier prägen die Emotionen des Zuhörenden. »Inzest gehört einfach nicht zu einer Lebensgeschichte«4 – über die sexuellen Übergriffe des eigenen Vaters, der gesellschaftlich so sehr geachtet wurde, kann man nicht offen sprechen.

Es gibt viele Situationen, die Vorstellungen hervorrufen, die man nicht mitteilen kann. So etwa einen sexuellen Übergriff, den eine Frau beging. Stellen Sie sich vor, ein Vater, der mit seinen Kindern am Tisch sitzt, würde Ihnen, während er die Speisen austeilt, erzählen, dass er im zarten Alter von zwölf Jahren, als er in einem Internat wohnte, erleben musste, wie eine Hausangestellte hin und wieder abends zu ihm kam, ihm die Bettdecke wegzog, ihn zur Erektion brachte, sich auf ihn setzte und auf ihm »ritt«, danach ohne ein Wort zu sagen wieder wegging und ihn vollkommen fassungslos zurückließ. Ein einziges Wort von dieser Frau hätte eine menschliche Beziehung hergestellt, doch das schmerzliche Fehlen von verbaler Kommunikation verstärkte in dem Jungen das Gefühl, das sexuelle Objekt einer Unbekannten zu sein. Wie viel Scham ruft das in einem Menschen hervor! Wie wollen Sie das erklären? Und dazu noch Ihren eigenen Kindern? Undenkbar! Ihren Freunden? Unmöglich! Ihre verblüfften oder spöttischen Reaktionen wären eine zusätzliche Demütigung gewesen. »Selbst in der Psychoanalyse fiel es mir schwer, darüber zu sprechen. Ich bat darum, die Sitzung im Café an der Ecke zu beenden … Als hätte ich gegen ein Gesetz verstoßen wollen … Das ist doch nicht normal … Ich schäme mich dessen, was mir zugestoßen ist … Ich bin einfach nicht wie alle anderen Menschen.«

Der Beschämte hält das, worüber er Scham empfindet, geheim, um die Menschen, die er liebt, nicht in Verlegenheit zu bringen, um nicht verachtet zu werden und um sich selbst zu schützen – denn er will ein bestimmtes Bild von sich aufrechterhalten. Diese Reaktion, diese berechtigte Abwehr führt zu einer merkwürdigen Redeweise. Der Beschämte spricht lieber über das, was unbedeutend, unpersönlich, oberflächlich ist; er spricht über Dinge, die ihm kein Unbehagen bereiten. Ganz plötzlich, bei einem Wort oder einem bestimmten Anlass, entsteht ein beängstigendes Schweigen, das die Beziehung belastet. Diese Spannungen, die immer wieder auftreten und für die Umgebung unerwartet und unbegreiflich sind, kosten viel Energie. Nichts erschöpft einen Organismus mehr als eine Hemmung, als der Zwang, sich nicht bewegen zu dürfen, nicht reden zu dürfen, wie ein gejagtes Wild zu sein, das in Alarmstellung erstarrt.

Ein solches Schweigen in Verhalten und Worten bietet da Schutz, wo Aggression herrscht. Aber diese Stummheit verwandelt sich in einen inneren Angreifer, sobald keine äußeren Angriffe mehr erfolgen. Die Anpassung, die berechtigte Verteidigung in einem Umfeld, in dem Krieg herrscht – oder einer Situation, die als kriegsähnlich wahrgenommen wird –, gräbt sich als unauslöschliche Erfahrung ins Gedächtnis ein und stört jede Beziehung. Warum schweigen wir immer noch, auch wenn wir das Schweigen nicht mehr zu unserem Schutz brauchen? Warum verharren wir in Alarmstellung, wenn unsere Umgebung uns zu einer friedlichen Beziehung auffordert? Unser Gedächtnis erweist uns einen Bärendienst, wenn wir weiterhin auf einen lange zurückliegenden Angriff reagieren, obwohl wir jetzt in einer Umgebung leben, die gewaltlos ist. Man müsste sich zur gleichen Zeit verändern wie die äußere Umgebung, doch leider geht das nicht immer.

Kinder lernen so leicht, dass sie auch dann, wenn ihre Umgebung sich ändert, weiterhin auf das reagieren, was sie einst in sich aufgenommen und verinnerlicht haben. Meistens stempelt man diese kleinen Verwundeten als »schwierige Kinder« ab, und da man ihnen nicht zur Seite steht, werden sie schwierig. Aber wenn man sie auffordert, ihre Emotionen in Worte zu fassen, und sie dadurch innerlich zur Ruhe kommen, und wenn das äußere Umfeld ihnen ermöglicht, die Gefühle zu ändern, die die Vorstellung von der eigenen Verwundung hervorrufen, dann verwandelt sich die Scham in etwas anderes. Also hängt ihr Schicksal davon ab, wie ihre Umgebung, die Gesellschaft, auf sie, die Beschämten, reagiert.

DER INNERE GEGNER

Es fällt schwer, von diesem Gift in der eigenen Seele zu sprechen, weil man sich, indem man den Grund seiner Scham »eingesteht«, dem anderen ausliefert und ihm die Macht verleiht, einen zu verurteilen. Es kommt nicht selten vor, dass ein beschämter Mensch, der »sich jemandem anvertraut, eine kritische Reaktion von diesem Gesprächspartner bekommt«.5 Da das Schweigen eine defensive Funktion hat, bringt die Enthüllung des Geheimnisses den, der es ausspricht, in Gefahr. Wie sich seine Scham entwickelt, hängt von der Reaktion seiner Vertrauensperson, von den Leitbildern seiner Gesellschaft und von ihren Vorurteilen ab. Da es ein Opfer gibt, muss eine körperliche Nähe zwischen dem Angegriffenen und dem Angreifer existiert haben, könnten die beiden sogar Komplizen gewesen sein. In vielen Ländern verurteilt man auch heute noch den »Partner« eines Angriffs, also den, der »mitgemacht« hat.

Der Beschämte, durch die Aggression depersonalisiert, hatte nicht die Kraft, sich dem zu widersetzen, der ihn dominierte, ja, er war nicht einmal imstande, sich ihm gegenüber zu behaupten. Daher fühlt er sich dem anderen unterlegen, er fühlt sich erniedrigt, herabgesetzt. Merkwürdigerweise erzeugt diese große innere Zerrissenheit ein moralisches Gefühl: »Der andere zählt mehr als ich. Ich beobachte den Angreifer, um ihn besser beherrschen zu können; und ich stelle mich den Menschen zur Verfügung, die, wie ich, Opfer von Angriffen wurden.« Diese Solidarität mit anderen ist ein »Zeichen dafür, dass keine perversen Neigungen entstanden sind«.6 Wenn Narziss ausruft: »Ich bin der Schönste auf der ganzen Welt, weil es nur mich gibt«, so murmelt der Beschämte: »Nur der Blick des anderen zählt. Wenn er entdeckt, wer ich bin, werde ich vor Scham im Boden versinken. Deshalb meide ich seinen Blick – das wird mich schützen. Ich weiche vor dem aus, den ich als dominierend wahrnehme.« Aber wenn es darum geht, seine Mitmenschen zu schützen, fühlt sich der Beschämte in der Lage, gegen den Angreifer vorzugehen. Mit Hilfe dieser Verteidigung, die durch einen Angriff geschieht, kann er sich selbst beweisen, dass er nicht so erbärmlich ist, wie er glaubte. Wenn er dem Opfer hilft, es versteht, sich mit ihm identifiziert, gibt ihm das die Möglichkeit, den Angreifer zu stellen und gleichzeitig die schlechte Meinung, die er von sich selbst hat, zu korrigieren. Der Beschämte ist ein Anti-Narziss, die Uneigennützigkeit ist seine Waffe. Sein Credo lautet: Um andere Menschen zu schützen, greife ich Narziss an, der nur an sich selbst denkt und den ich, wie ich zugebe, ein wenig verachte. Er sollte sich dafür schämen, dass er immer nur an sich selbst denkt.

Indem der Beschämte den Opfern hilft, indem er Narziss angreift, bringt er seine eigene narzisstische »Blutung« zum Stillstand. Uneigennützigkeit und Moral wirken zusammen, um Narziss, den Perversen, zu töten.

Auch mit der schriftlichen Dokumentation kann man Opfern helfen. Die Geschichte eines Leidenden aufzuschreiben oder zu erzählen ist eine Art der Verteidigung, ein Plädoyer, mit dem man versucht, die Gründe für seine eigene Schwäche zu erklären: Dadurch ist der Blick der anderen weniger vernichtend. Die Scham ist leichter zu ertragen, wenn die Umgebung zu verstehen sucht und nicht verurteilt. Erzählt man die Geschichte eines Menschen, der Stellvertreter für einen selbst ist, der eine Art Sprachrohr darstellt, den man erklären lässt, warum man kein »Untermensch« ist, rettet man einen »anderen, der so ist wie ich«, und fühlt sich angesichts dieses Spiegelbilds weniger beschämt.

In der Seele eines Beschämten lebt ein quälender Gegner, der ständig murmelt: »Du bist erbärmlich«, während in der Seele eines Schuldigen ein Gericht tagt, das ihn unablässig verurteilt und ihm einredet: »Es ist deine Schuld.« Der Beschämte versteckt sich, um weniger zu leiden, oder er versucht, sich in den Augen des anderen aufzuwerten. Der Schuldige bestraft sich, um seine Schuld zu sühnen. Die Melancholiker meinen, sie verdienten den Tod, weil sie ihre eingebildeten Verbrechen für so groß halten. Und wenn der Urteilsspruch sie nicht vernichtet, bestrafen sie sich durch Selbstkasteiung oder durch Verhaltensweisen, die zu Misserfolgen führen. Sie wundern sich darüber, dass sie die Beziehung zu einer Frau, die sie lieben, zerstören, und fragen sich, warum sie vergessen, den Wecker an den Tagen zu stellen, an denen sie eine Prüfung ablegen müssen, für die sie doch eigentlich gut vorbereitet sind. »Du hast nur das, was du verdienst«, behauptet das Gericht in ihren Wahnvorstellungen.

Glauben Sie ja nicht, das Gefühl der Schuld habe mit dem der Scham nichts gemein. Dass beide nicht denselben Ursprung haben, hindert sie nicht, sich miteinander zu verbünden. Ich denke da an Madame M., die ihre Mutter pflegen musste, seit diese an der Alzheimer-Krankheit litt. Fast 20 Jahre lang war sie ihrer Mutter die Mutter gewesen – was sie daran gehindert hatte, ihren Kindern eine gute Mutter und ihrem Mann eine wirkliche Ehefrau zu sein. Gefangen von der Zuneigung, die ihr die Verantwortung aufoürdete, hätte sie sich vor sich selbst geschämt, wenn sie nicht dieses Opfer für ihre kranke Mutter gebracht hätte. Als die Mutter endlich gestorben war, löste dieser Verlust überwältigenden Kummer in ihr aus – und gleichzeitig ein Gefühl geradezu ekstatischen Glücks. »Endlich frei! Ich kann heute Abend mit meinem Mann ins Kino gehen!« Furchtbare Freude! Sogleich fühlte sie die Last der Scham. »Ich schäme mich, weil ich glücklich bin, dass meine Mutter tot ist.«

Es ist ethisch korrekt, unter dem Tod der Menschen zu leiden, die man liebt; es ist beschämend, Freude über ihr Ableben zu empfinden.

Man überwindet das Schuldgefühl nicht, man passt sich daran an, um weniger zu leiden. Also wendet man aufwändige Strategien der Buße, der Selbstbestrafung oder des oberflächlichen Loskaufs an. »Ich tue mir weh, weil ich jemandem weh getan habe«, denkt ein Mensch, der sich an den Urteilssprüchen seines inneren Gerichts orientiert. Er versteht nicht, warum er sich bestraft; er ist sich nicht darüber im Klaren, weil so viel Verdrängung verhindert, dass er sich dessen bewusst wird. Und wenn er das Bild seiner Schuld aus dem Nebulösen hervortreten lässt, schlägt er sich an die Brust und erklärt immer wieder: »Es ist meine Schuld, meine große Schuld.« Ich habe noch nie jemanden sagen hören: »Es ist meine Scham, meine große Scham«, aber ich habe oft gesehen, wie Beschämte ihr Gesicht hinter den Händen verbargen, als wollten sie mit dieser Geste sagen: »Es ist mir unerträglich, dass Sie mich in diesem Zustand sehen. Ihr Blick durchbohrt mich, er dringt bis zu meinem erbärmlichen Inneren durch.«

DIE SCHAM UND IHR GEGENTEIL

Man passt sich an die Scham an – indem man ausweichende Verhaltensweisen annimmt, sich vergräbt oder sich zurückzieht. All das beeinträchtigt die Beziehungen. Und doch wird man am Ende immer aus der Scham heraustreten, wie man aus einem Erdloch heraustritt. Mit zunehmendem Alter wird sie schwächer, weil man selbst stärker und selbstsicherer geworden ist und die eigene Persönlichkeit ausgeprägter zutage tritt; man akzeptiert sich so, wie man ist, und gesteht damit dem Blick der anderen weniger Macht zu. Die Scham ist weniger heftig, weil die nun abgeschwächten Emotionen leichter zu beherrschen sind. Aber es kommt sogar vor, dass die Scham sich in ihr Gegenteil verkehrt und den Ausdruck von Überlegenheit annimmt.

Neulich abends in Bordeaux erzählte eine Frau bei einer Zusammenkunft in der Synagoge, dass sie als Kind während des Zweiten Weltkriegs ihren Namen ändern musste, um dem Tod zu entgehen. Sie konnte nur überleben, weil sie ihre jüdische Herkunft verbarg, aber sie verging fast vor Scham, wenn sie täglich hörte, wie die rechtschaffenen Bauern, die ihr Schutz gaben, darüber klagten, wie schlecht es ihnen finanziell wegen der Juden gehe, die Schuld an diesem Krieg hätten. Nach der Befreiung von der deutschen Besatzung verbarg sie, die einzige Überlebende ihrer Familie, auch weiterhin ihr Judentum, weil sich so viel Scham in ihr Gedächtnis eingegraben hatte. Vage dachte sie: »Ich habe einer jüdischen Familie angehört, die für das Unglück dieser rechtschaffenen Menschen verantwortlich war – der Menschen, die mich bei sich versteckten. Es genügt, nicht zu verraten, dass ich Jüdin bin, damit alle Welt mich liebt. Aber wenn ich über meine Herkunft sprechen würde, müssten mich die Menschen, die ich liebe, mit Feindseligkeit betrachten.« Vom Geheimhalten, das ihr während des Krieges das Leben gerettet hatte, war sie zum Verschweigen übergegangen; so konnte sie in Harmonie mit den Menschen leben, die ihr nahestanden. Sie hätte lieber ihre Herkunft offenbart und kein Geheimnis mehr daraus gemacht, aber dazu hätte ihre Umgebung ihr das Recht, darüber zu reden, geben müssen.